„Natürlich bin ich tolerant!“
Bei meiner Arbeit im SGB II treffe ich viele Menschen aus anderen Nationen, mit unterschiedlicher Weltanschauung, verschiedener sexueller Ausrichtung und der ganzen Palette an menschlichen Hauttönungen. Alle begrüße ich freundlich, offen und vor allem neugierig auf die persönlichen Geschichten. Natürlich bin ich tolerant.
Im SGB III arbeite ich zurzeit mit jungen Menschen, die oft so gar nicht einverstanden sind, mit dem was von ihnen erwartet wird und dies auch deutlich kundtun. Alle begrüße ich freundlich, offen und neugierig auf die persönlichen Geschichten. Natürlich bin ich tolerant.
In meinem Privatleben bin ich dafür bekannt offen, kommunikativ und hilfsbereit zu sein. Natürlich bin ich tolerant.
Die Entdeckung meiner blinden Flecken
Und dann kam der Tag, an dem ich meine Tochter drängte Bewerbungen zu schreiben. Sie hatte unter erschwerten Bedingungen Abitur gemacht. Einer ihrer besten Freunde starb als sie mitten in der Klausurenphase war, was sie völlig aus der Bahn warf. Sie machte danach freiwillig eine Nachprüfung in Mathematik um die Note zu verbessern, was ihr glanzvoll gelang. Also ein Beweis dafür, dass sie über eine sehr gute Selbsteinschätzung, eine gehörige Portion Mut und gesundes Selbstvertrauen verfügte. Trotzdem hielt ich es für nötig sie aufzufordern Bewerbungen zu schreiben. Natürlich bin ich nicht tolerant! Jedenfalls nicht so umfassend, wie ich immer dachte.
Was war geschehen? Nun, ich hatte ein Bild vom Weg meiner Tochter im Kopf und konnte nicht ertragen abzuwarten, ob sie diesen dann auch gehen würde oder ob sie vielleicht einen ganz anderen einschlagen würde. Da sie sehr früh entschieden hatte nicht zu studieren, bewarb sie sich dann eine Woche vor Ende der Sommerferien im besagten Jahr und konnte dann sogar einen Ausbildungsplatz auswählen.
Warum erzähle ich diese kleine Anekdote? Weil mir damals bewusst wurde, dass sich echte Toleranz oft nicht im Offensichtlichen zeigt, sondern in dem Verhalten, dass sich oft als Fürsorge tarnt.
Wenn Fürsorge beginnt die Richtung vorzugeben
Der Grat zwischen Fürsorge und subtiler Lenkung ist äußerst schmal, und ich bin sicher, dass ich mit dieser These nicht nur auf Zustimmung stoßen werde. Aber ich bin zutiefst davon überzeugt, was als liebevolle Ermahnung oder sorgenvolle Nachfrage daher kommt, ist oft die erste zarte Knospe der Intoleranz und viel schwerer zu erkennen als die Ablehnung einer Religion oder Menschen mit anderer Hautfarbe.
Oft können sich die Zielpersonen dieser liebevollen Sorge, dem Wunsch oder der Anregung gar nicht entziehen, weil sie es ja selbst als Ausdruck von Liebe wahrnehmen – und kann man diesen liebevollen Wunsch ablehnen? Schließlich ist die Absicht dahinter ja durch und durch gut, denn man „will ja nur helfen“. Und so wird aus Fürsorge eben ganz schnell Lenkung.
Die überraschende Erkenntnis aus dem Coaching
Deutlicher ist mir dieser Sachverhalt im Coaching geworden. Vermutlich, weil dort ja eine gewisse professionelle Distanz gewahrt wird. Eigentlich handelt es sich aber um exakt den gleichen Mechanismus – allerdings mit deutlich gravierenderen Folgen, als z.B. das Aufnötigen einer Jacke, wie ich durch folgendes Beispiel verdeutlichen möchte.
Eine Klientin in einer JC-Maßnahme, nennen wir sie Marina, kam zu mir ins Coaching. Sie brachte eine Geschichte mit, die von Gewalt, Abwertung und einer angeschlagenen Gesundheit geprägt war. Sie war durch viele solcher Maßnahmen gegangen. Hier hatte sie mit besonders einer Coachin zu tun, die immer stolz verkündet hatte, dass sie nach 3 Minuten wüsste, was mit einer Person los sei. So auch im Fall von Marina. Das führte dazu, das Marina über mehrere Jahre aus mehreren Maßnahmen flog.
Was war geschehen? Nun, das Verhalten der Coachin Marina gegenüber, hat diese nicht als Fürsorge und Unterstützung empfunden. Marina, die in der Herkunftsfamilie und später in ihrer Ehe körperliche wie psychische Gewalt erlebt hatte, die mit dem Stigma einer Lernstörung groß geworden war und sich ständig mit Kommentaren zu ihrem Übergewicht konfrontiert sah, hat das, was als liebevolle Fürsorge oder Begleitung gedacht war, als Übergriffe auf ihre Würde empfunden und daraus resultierte ein überwältigendes Gefühl der Ohnmacht.
Umwege aus wessen Sicht?
Von außen betrachtet würde man nun sicher sagen: „Was für ein langer Weg! Hätte sie doch auf die Coachin gehört. Wieviel Zeit hätte sie gespart!“ Halt lauter Umwege über die verschiedenen Maßnahmen. Das ist die Außensicht; von der Gesellschaft, vielleicht von der Familie und von Freunden, vom Jobcenter.
Aber wie sieht es aus Marinas Perspektive aus? Was hat sie in diesen Jahren alles geschafft. Ganz praktisch hat sie sich aus der Ehe befreit und war dabei sogar eine Muster-Brecherin für das gesamte Familiengefüge. Sie hat eine neue liebevolle Beziehung aufgebaut. Sie hat einen Sohn zu einem prächtigen jungen Mann erzogen. Sie hat ihr Abschlusszeugnis aus der Heimat beschafft, aus dem hervorgeht, dass sie keine Lern-Behinderung hat und ganz sicher nicht dumm ist. Und sie hat eine Diagnose für ihre gesundheitlichen Probleme bekommen, die bereits zu sichtbaren Ergebnissen geführt hat.
Innerlich ist sie heute gefestigter, macht eine Qualifizierung im Berufsfeld ihrer Wahl und plant ihre eigenen Erfahrungen anderen betroffenen Frauen als Hilfestellung weiter zu geben. Sie verfolgt ihre Ziele motiviert und entschlossen.
Umwege? Nein. Marina ist ihren Weg gegangen – immer geradeaus! Und das auch noch pünktlich! 😉
Menschen haben ein Recht auf ihre eigenen Erfahrungen
Was wäre passiert, wenn Marina sich in eine Ausbildung/einen Job hätte pressen lassen, die/der ihr im Coaching vorgeschlagen worden ist? Ganz einfach: Wir können es nicht wissen! Denn wir können nicht in die Zukunft sehen – auch wenn wir das aus unserem Erfahrungsschatz heraus so gerne glauben wollen. Vielleicht aber beginnt Toleranz genau dort, wo wir aufhören, den Weg eines anderen verbessern zu wollen.
Loslassen heißt das (zugegebenermaßen recht abgegriffene) Zauberwort. Und Loslassen ist vielleicht die höchste Form von Respekt.
Krumme Wege gehören zum Leben. Ich begleite Menschen nicht dabei, meinen Weg zu finden. Ich begleite sie dabei, ihren eigenen zu entdecken. Manchmal verlieren wir auf ihnen die Orientierung. Manchmal entdecken wir gerade dort, wer wir wirklich sind.
Vielleicht ist auch dein Weg nicht so gerade, wie andere ihn gerne hätten. Und vielleicht ist genau das richtig so.
Wenn du nach einem Umbruch Orientierung suchst, ohne dass dir jemand sagt, wie dein Leben aussehen sollte, begleite ich dich gerne ein Stück auf deinem Weg.
Vereinbare gerne ein unverbindliches Erstgespräch unter hildegard.stodt@posteo.de . Gemeinsam schaffen wir Raum für deine Antworten, statt nach meinen zu suchen.
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