Zwischen-Zeit oder besser „Zwischen den Zeiten“

In meinen Coachings, aber auch in meinem eigenen Leben, habe ich beobachtet, dass eine der größten Herausforderungen die Zeit zwischen den beiden Leben ist. Zwischen dem alten Leben, das man verändern und dem neuen Leben, das man erschaffen will. Abschluss und Neubeginn sind irgendwie vermischt und nicht klar voneinander abgegrenzt. Manchmal fühlt man sich bereits angekommen und fünf Minuten später kommt es einem so vor, als ob man noch keinen einzigen Schritt nach vorn getan hätte. Manchmal handelt es sich nur um ein diffuses Gefühl, manchmal aber wird dieses Gefühl so mächtig, dass es zu Selbstzweifeln und vielleicht sogar zu einem Gefühl der Lähmung führt.

Es kann sein, es muss noch etwas getan werden. Es kann sein, Ereignisse von außen, auf die wir keinen Einfluss haben, ziehen uns zurück in alte Strukturen oder Verstrickungen.

Innehalten im Wandel

Meine Überzeugung ist, in solchen Zeiten sollten wir nach Innen gehen. Unser System zeigt uns, wie fragil unser neues Lebensziel noch ist. Wer jahrelang in Rollen verhaftet war, die er sich teils selbst gewählt hat, teils von außen übergestülpt bekam, der kann nicht von heute auf morgen ein ganz neuer Mensch sein. Auch neurobiologisch ist das nachvollziehbar: „Häufig genutzte Denk- und Verhaltensmuster stabilisieren die entsprechenden neuronalen Verschaltungen. Neue Muster brauchen deshalb Zeit und wiederholte Erfahrungen, um sich zu festigen“ (vgl. Hüther 2016 „Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn“).

Also, alles ganz normal! Wir können diese Zwischen-Zeiten aber sinnvoll nutzen, statt sie über uns ergehen zu lassen.

Wir können zum einen lernen Vertrauen in den eigenen Weg zu entwickeln und zum anderen von der Ohnmacht in die Macht zu kommen. Immer dann, wenn wir bewusste Entscheidungen treffen, erobern wir unser eigenes Leben zurück. Das kann auch bedeuten stehen zu bleiben, innezuhalten und bewusst nichts zu tun.

Bequemlichkeit vs. Leidensdruck

Genau darin liegt die besondere Aufgabe der Zwischen-Zeit: Wir müssen nicht sofort ein anderer Mensch werden, können aber beginnen, unseren nächsten Schritt bewusst zu wählen. Damit rückt neben dem Innehalten eine zweite Frage in den Mittelpunkt: Was hindert uns daran, die Verantwortung für diesen Schritt zu übernehmen?

Oft bewegen wir uns dabei in einem Spannungsfeld zwischen Bequemlichkeit und Leidensdruck. Solange das Vertraute noch erträglich ist, bleiben wir eher bei dem, was wir kennen – selbst wenn es uns nicht wirklich guttut. Erst wenn die Unzufriedenheit, der innere Konflikt oder die Belastung größer werden als die Angst vor dem Neuen, wächst die Bereitschaft, tatsächlich etwas zu verändern. Leidensdruck kann so zum Antrieb werden. Er ist jedoch nicht die einzige Voraussetzung für Veränderung: Auch ein positives Ziel, Hoffnung und die Erfahrung eigener Gestaltungskraft können uns in Bewegung bringen.

Vermutlich werden mir einige Leser*innen widersprechen, wenn ich behaupte, dass uns manchmal auch Bequemlichkeit daran hindert, in die eigene Macht zu kommen. Dabei meine ich nicht bloße Trägheit. Das Vertraute gibt uns Sicherheit, selbst wenn es uns nicht mehr guttut. Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen erfordert Mut und Kraft, denn dabei begegnen uns innere und äußere Widerstände. Das habe ich auch bei mir selbst beobachtet.

Lange Jahre war ich die gehorsame Tochter, die sich bei allen Entscheidungen nach den Vorstellungen der Familie richtete. So lernte ich nach dem Abitur was „Richtiges“ statt zu studieren. Ich machte das auch richtig gut, wie es in meiner Familie üblich war. Erst als mir ein hervorragendes Angebot in meiner Firma gemacht wurde, begriff ich, dass dieser Weg nicht meiner war. Ich traf zum ersten Mal eine eigene Entscheidung, die mit sehr viel Angst für mich verbunden war. Etwas später zwang mich mein Leben in die absolute Selbstständigkeit durch den Tod meiner Eltern. Hier kam dann zu der Angst noch ein großer Schmerz hinzu.

Aber nicht nur durch meine eigene Geschichte, sondern vor allem auch durch die Beobachtung meiner Coachees erkannte ich, mit welchem enormen Kraftaufwand und Mut der Weg in die Selbstermächtigung einher geht.

So traf ich, nennen wir sie Amira, die schon als Kind davon träumte Krankenschwester zu werden. Ihre Ausgangssituation war dafür nicht ideal, denn sie wuchs in den Bergen des Irak auf. Als Mädchen konnte sie nur wenige Jahre die Schule besuchen. Dann wurde sie nach Deutschland zwangsverheiratet. Hier, so hoffte sie, könnte sich ihr Traum erfüllen.

Einige Jahre lebte sie dann in einer von Gewalt geprägten Ehe, bevor sie zu mir ins Coaching kam. Sie lernte, welche Möglichkeiten sie hätte ihren Traum zu verwirklichen. Einmal verließ sie ihren Ehemann nach einem Gewaltexzess, ging aber auf Bitten der Eltern zurück. Wir erarbeiteten einen konkreten Plan für ihren weiteren Weg und als sie dann die Anmeldung zur Schule in den Händen hielt, schaffte sie den endgültigen Ausstieg aus der Ehe. Vor ihr lagen noch viele Hindernisse, die, neben persönlichen Herausforderungen, häufig mit Behördenangelegenheiten zu tun hatten. Aber sie ging entschlossen weiter und traf auf diesem Weg immer wieder Menschen, die sie unterstützten.

Im nächsten Jahr wird sie die Prüfung zur Pflegefachkraft ablegen und ich bin stolz, dass ich sie einen Teil dieses kraftvollen Weges begleiten durfte. Und ich bin davon überzeugt, dass Amira eine hervorragende, empathische Krankenschwester sein wird, da sie selbst durch die Hölle gegangen ist.

Amiras Lebensweg zeigt sehr deutlich, wodurch Veränderung möglich wird: durch einen starken inneren Antrieb, ein realistisches Ziel und die Bereitschaft, trotz Rückschlägen immer wieder den nächsten Schritt zu gehen. Auch ihr Weg verlief nicht geradlinig. Gerade die Zwischen-Zeiten, in denen das alte Leben noch wirksam und das neue noch nicht gesichert war, verlangten ihr besonders viel Mut und Ausdauer ab.

Angst vor der eigenen Macht

Nicht jeder Lebensweg ist so spektakulär. Trotzdem verursachen Veränderungen, vor allem die, die man selbst aktiv vorantreibt, Angst. Es ist die Angst vor der eigenen Macht. Was ist, wenn ich meine Rollen nicht mehr erfülle? Werde ich die Herausforderungen bewältigen können? Bin ich dann ganz allein? Und nicht zuletzt, weil „Macht“ ein Begriff ist, der allzu häufig negativ behaftet ist.

Aber was ist die Alternative? Wenn wir dauerhaft auf unsere Gestaltungsmöglichkeiten verzichten, erleben wir uns zunehmend als ohnmächtig. Das Vertraute kann kurzfristig Sicherheit geben, doch auf Dauer hindert es uns daran, Verantwortung zu übernehmen und ein erfülltes, selbstbestimmtes Leben zu führen. Selbstermächtigung beginnt deshalb nicht mit einem großen Sprung, sondern mit der bewussten Entscheidung für den nächsten möglichen Schritt.

Was ist Ihr nächster möglicher Schritt?

Sie müssen nicht von heute auf morgen ein anderer Mensch werden. Vielleicht genügt es für heute, innezuhalten und bewusst zu entscheiden, was Sie nicht länger hinnehmen möchten – oder was Sie Ihrem neuen Leben ein kleines Stück näherbringt. Wenn Sie sich dabei Begleitung wünschen, melden Sie sich gern bei mir für ein unverbindliches Erstgespräch unter hildegard.stodt@posteo.de. Gemeinsam schauen wir, was Sie noch zurückhält und welcher nächste Schritt für Sie jetzt möglich ist.


Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert