Ein ganz normaler Alltag
„Warum bin ich gerade so explodiert, als meine Tochter mich gefragt hat, ob sie noch eine halbe Stunde lesen darf vor dem Schlafen gehen?“ Oder als mein Kollege in mein Büro platzte und mich um einen Briefumschlag bat. Oder als die Kassiererin im Supermarkt nicht auf das Kleingeld gewartet hat und mir stattdessen noch mehr davon in die Hand gedrückt hat? Solche und ähnliche Situationen haben wohl viele Menschen schon erlebt.
Aber warum bin ich heute explodiert?
Der Start-Punkt
Als ich vor vielen Jahren eine Mitarbeiterin in einem Supermarkt angeblafft hatte, habe ich mir zum ersten Mal diese Frage gestellt. Ich fragte mich also, warum ich so reagiert hatte.
Natürlich könnte man sagen: „Mach dir keinen Kopf, die ist daran gewöhnt.“ Aber genau das war für mich damals so unangenehm. Wie oft hatte ich solche Szenen beobachtet? Wie oft dachte ich: „Das musste jetzt aber wirklich nicht sein, wie unhöflich.“ Und nun hatte ich mich genauso verhalten. Nein, ich wollte das für mich nicht so stehen lassen.
Mein Ergebnis war, dass meine Amygdala über Stunden heiß gelaufen war. Den ganzen Tag über hatte ich Stress empfunden, wurde bei konzentriertem Arbeiten unterbrochen und musste freundlich sein, wo ich innerlich kochte. Und die arme Supermarkt-Mitarbeiterin war mein Blitzableiter geworden. Ich schämte mich – was mein körperliches Unbehagen nicht gerade verbesserte.
Der Blick aus der Vogelperspektive
Einige Tage später hatte ich genug Abstand um die Situation noch einmal „von oben“ zu betrachten. Mir wurde klar, wie drei Gefühle mein Handeln und Denken an diesem Tag beeinflusst hatten.
- Angst vor Ablehnung, besonders im Kontext „Arbeit“ oder „Familie“, führt dazu, dass man seine persönlichen Grenzen nicht wahrnimmt, geschweige verteidigt.
- Überforderung: Eine Vielzahl an Reizen, Impulsen und Eindrücken werden zu einer Masse, die das Gehirn nicht mehr verarbeiten kann und sie als Gefahr einordnet. Zwei Reaktionen können dann im Verhalten eines Menschen auftreten; entweder führt diese „Gefahr“ zum Fluchtreflex oder eben zum Angriff.
- Scham empfinden Menschen dann, wenn sie von der Norm abweichen. Und dabei spielt es keine große Rolle, ob man selbst diese Norm bestimmt oder ob sie gesellschaftlich, familiär oder religiös vorgegeben ist.
Welches Resümee habe ich für mich gezogen?
Nun zum einen, dass meine Norm, wertschätzender Umgang mit all meinen Mitmenschen, mir extrem wichtig ist. Es handelt sich um einen meiner ganz persönlichen, unumstößlichen Werte.
Und zum anderen, mindestens genauso wichtig ist mir, dass ich mir selbst in meiner Menschlichkeit verzeihen kann! Diesen Aspekt halte ich für den wichtigsten überhaupt. Aber dazu werde ich einen gesonderten Beitrag verfassen.
Der Schritt beiseite
Wenn wir jetzt mal von den kleinen alltäglichen Unzulänglichkeiten weggehen und uns die Überforderung als übergeordnetes Gefühl im gesamten Leben vorstellen – was viele Menschen kennen, die gerade hier lesen 😉 – kann dieses Gefühl zur Entschlüsselung der Vergangenheit und zum Wegweiser für Ihre ganz persönliche Zukunft werden.
Treten Sie beiseite. Nehmen Sie sich etwas Zeit (ja, auch als fleißige Mitarbeiterin, als zugewandter Elternteil oder hingebungsvoller Partner darf ich Zeit für mich in Anspruch nehmen!) und betrachten Sie Ihre Situation mit den dazu gehörenden Gefühlen aus der Vogelperspektive.
- Welche Ihrer Rollen fühlt sich unverzichtbar an?
- Was macht Sie unfassbar traurig?
- Welche Rolle ist mit Scham behaftet?
- Wohin zieht es Sie?
- Wovon träumen Sie?
Warum sage ich nicht, Sie sollen Ihr Leben durch die Augen Ihrer besten Freundin betrachten? Ganz einfach, weil Ihre beste Freundin zwar (hoffentlich 😉 ) einen liebevolleren Blick auf Ihr Leben hat, aber Ihre Gefühle nicht kennt, nicht kennen kann. Selbst, wenn Sie die viel zitierte Seelenverwandte ist, so kann Sie doch Ihre persönlichen Gefühle nicht fühlen!
Also, was fühlen Sie, wenn Sie sich als Mitarbeiterin in Ihrem Unternehmen betrachten? Fühlen Sie Erfüllung, trotz Stress? Fühlen Sie Sinnhaftigkeit, trotz Routinearbeiten, die überall dazu gehören? Oder fühlen Sie einen Druck im Magen, bei dem Gedanken an den nächsten Arbeitstag? Ohnmacht, Sinnlosigkeit? Fühlt es sich weit oder eng an?
Was fühlen Sie, wenn Sie sich als Partner/in betrachten? Fühlen Sie Glück bei dem Gedanken, an den Menschen, der das Leben mit Ihnen teilt? Fühlen Sie Spannung, bei dem Gedanken an die nächste Zeit zu zweit? Fühlen Sie Geborgenheit und haben Sie ein Gefühl von Sicherheit in seiner/ihrer Nähe? Oder fühlen Sie Langeweile, Desinteresse, vielleicht sogar Abscheu und im schlimmsten Fall Angst? Fühlen Sie Panik bei dem Gedanken bis zum Ende Ihrer Tage an seiner/ihrer Seite zu sein? Fühlt es sich weit oder eng an?
Was fühlen Sie, wenn Sie sich als Kind Ihrer Eltern betrachten? Fühlen Sie Liebe und Dankbarkeit? Fühlen Sie den Wunsch nach Nähe? Oder fühlen Sie Belastung, Verpflichtung und vielleicht sogar Wut? Fühlt es sich weit oder eng an?
Vielleicht schreiben Sie auf, was Ihnen durch den Kopf geht? Vielleicht machen Sie eine Liste? Vielleicht zeichnen Sie kleine Symbole für die Gefühle, die Sie fühlen? Am Ende werden Sie wissen, was weit ist und was zu eng!
Mit diesen gewonnenen Erkenntnissen lässt sich jetzt Ihre Zukunft gestalten.
Der Weg-Weiser
Sie wissen nun, wo Sie stehen. Sie wissen nun, was Sie ändern müssten.
Und im Idealfall wissen Sie, ob Sie dazu bereit sind!
Manchmal sind es nur Kleinigkeiten.
- Wenn Sie zu dem Schluss gekommen sind, dass die ständigen Unterbrechungen bei der Routinearbeit Sie sehr stressen – machen Sie einfach die Tür zu und hängen vielleicht noch ein Schild an die Tür „Bitte nicht stören“. Kommunizieren Sie im Kollegenkreis, dass Sie für Routinearbeiten ungestört sein müssen. Wenn Sie die Tür öffnen, wissen die Kolleg*Innen, dass Sie wieder Ihr bekanntes „offenes Ohr“ haben.
- Wenn Sie zu dem Schluss gekommen sind, dass die ständige Sorge um Ihre Mutter, die allein lebt, viel Energie abzieht, besorgen Sie ihr einen Heim-Notruf oder vereinbaren Sie, dass sie Ihnen einmal am Tag per WhatsApp ein OK sendet. Zeigen Sie ihr die Funktion am Handy und erklären Ihr, dass es für Sie eine Erleichterung ist. Vielleicht stellen Sie ihr noch den Wecker, damit sie es nicht vergisst.
- Wenn Sie zu dem Schluss gekommen sind, dass Sie in der Partnerschaft etwas mehr Freiraum brauchen, sprechen Sie das an und vereinbaren einen „freien“ Abend. Vielleicht fühlt Ihr/e Partner/in genauso und hat nur eben auch nichts gesagt.
Manchmal stellt man aber auch fest. „Hier muss sich grundsätzlich etwas ändern!“
- Wenn Sie zu dem Schluss gekommen sind, dass der Job Sie nicht ausfüllt, überprüfen Sie was besser zu Ihren Talenten, Wünschen und finanziellen Ansprüchen passt. Denken Sie darüber nach, was Sie als Kind werden wollten. Vielleicht ziehen Sie einen Berater hinzu. Das muss nicht zwingend ein bezahlter Coach sein. Die Agentur für Arbeit hält sogar kostenlose Angebote bereit, auch für Menschen, die nicht arbeitslos sind, sondern sich umorientieren wollen.
- Wenn Sie zu dem Schluss gekommen sind, dass die Pflege Ihrer Mutter Sie überfordert, sprechen Sie mit ihr darüber und holen sie Hilfe von außen. Durch die Pflege einer geliebten Person wird die Beziehung stark belastet, besonders wenn Überforderung dabei ist. Lassen Sie sich bei einem Pflegestützpunkt beraten. Manchmal ist schon ein freier Nachmittag durch die Hilfe einer Alltagsbegleiterin oder Betreuungshelferin Entlastung genug.
- Wenn Sie zu dem Schluss gekommen sind, dass Ihre Partnerschaft nur noch aus Routine und Gewohnheit besteht, gehen Sie zur Paar-Therapie. Wenn Sie in einer toxischen Beziehung leben, trennen Sie sich. Hierfür gibt es im Netz zahlreiche Hilfe-Angebote, wenn die Kraft nicht mehr reicht. Lassen Sie es nicht so weit kommen, dass aus der Liebe, die es mal war, Hass wird. Hass schadet Ihnen selbst mehr, als Sie vielleicht denken. Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Herzensfreiheit.
Es gibt noch sehr viele Beispiele, denn jedes Leben hat seine ganz individuellen Herausforderungen.
Wenn Sie wissen: „Es muss sich etwas ändern!“, aber nicht wissen wie, melden Sie sich für ein kostenloses Kennenlern-Gespräch unter hildegard.stodt@posteo.de. Gemeinsam klären wir, wo Sie Unterstützung benötigen und ob ich die richtige Person dafür bin.
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